Was wollen diese coolen Mindestleister? Über den großen Irrtum der Alten in Bezug auf die Jungen und deren fehlenden Zukunftsoptimismus
„WAS WOLLEN DIESE COOLEN MINDESTLEISTER mit ihren unverschämten Berufs- und Gehaltswünschen überhaupt? Die sind doch alle völlig GAGA im Kopf. Die haben ja keine Ahnung vom richtigen Leben. Die sollen doch mal schauen, wie es uns so ergangen ist. Heute ist ja sowieso alles viel einfacher als früher.“
Diese Tirade gegen „die Jungen“ habe ich gestern gehört, immer wieder und wieder und wieder … am-Schauplatz-Feeling abends in einem Wiener Lokal zwei Tische weiter. Manche Vertreter:innen der älteren Generationen sind gelegentlich der Meinung, dass sie es als Berufseinsteiger schwerer hatten als "die Kids von heute". ECHT JETZT?
Warum haben dann die Jungen keinen Zukunftsoptimismus? Meine Wahrheit ist, dass die Generation Z unter wirtschaftlich viel widrigeren Umständen in den Arbeitsmarkt einsteigt als sämtliche Generationen vor ihnen. Während die Nachkriegsgeneration in den 1950er Jahren noch mit einem hohen Wirtschaftswachstum und sinkender Arbeitslosigkeit konfrontiert war, somit ein hohes Maß an Zukunftsoptimismus aufbringen konnte, steigt insbesondere die Generation Z in wirtschaftlich höchst unsicheren Zeiten ins Berufsleben ein. Tja, und die Aussicht auf Vollbeschäftigung gibt es nicht mehr. Möglicherweise liegt die Sehnsucht nach Arbeitsplatzsicherheit und finanzieller Absicherung bei dieser Generation Z schon deshalb auf der Hand. Und natürlich äußern sie das beim Jobinterview.
Inmitten dieses finanziellen Unbehagens definieren die Jungen auch ihre Arbeitsmuster völlig neu. Nicht wenige von Ihnen haben neben ihrer Hauptbeschäftigung einen zweiten, teil- oder vollbezahlten Job. Ein kleiner, aber wachsender Prozentsatz zieht auch in weniger teure Städte, um dort im Homeoffice zu arbeiten.
Und die Behauptung der Alten, wonach früher alles schwieriger gewesen wäre, hält sowieso den Fakten nicht stand. Nämlich weder in Bezug auf Preisentwicklung und Inflation in Österreich noch, wenn wir die Lebenshaltungskosten bspw. der Generation Z mit jenen der Babyboomer vergleichen, nämlich damals, als diese in ihren Zwanzigern waren, also rund um das Jahr 1977. Seitdem hat sich der Verbraucherpreisindex in Österreich nämlich beinahe verdreifacht.
Also, wie wäre es mit einer Prise Empathie? Weltweit hat die Generation Z bereits kontinuierliche und außergewöhnliche wirtschaftliche, soziale und politische Turbulenzen hinzunehmen und wir sind noch immer mittendrin. Denn seit den 1950er-Jahren sinkt das durchschnittliche Wirtschaftswachstum in Österreich, während gleichzeitig die Arbeitslosigkeit steigt. Während die Babyboomer in den 1970er-Jahren in ihren Berufseinstiegsjahren, sowie auch die Generation X in ihren Ausbildungsjahren, noch mit Vollbeschäftigung konfrontiert waren, steigt seitdem die Arbeitslosenquote bis zum heutigen Tag kontinuierlich an. Heute, im März 2023 steht die Generation Z in ihren Berufseinstiegsjahren einer Arbeitslosenrate von 6,2% gegenüber (Statista, 2023). Ehrlich, es fällt mir schwer hier nicht schwarzzumalen.
Fehlende Wohlstandsbildung und kaum Rücklagen
Das Leben für die Jungen wird immer teurer, die Einkommen halten nicht mehr mit. Die jungen machen sich Sorgen, weil die Lebenshaltungskosten drastisch steigen. Warum mehr als die älteren Semester? Die Jungen sind mit weniger Rücklagen ausgestattet und vor allem alleine verdienend. Die alleine lebenden Generationen Y und Z stehen vor einem Problem. Das Leben ist schwer finanzierbar. Im Februar 2022 ist die Teuerung um 5,9 Prozent im Jahresvergleich gestiegen (UniCredit Bank Austria AG 2022). Besonders stark sind aufgrund der Eskalation des Ukraine-Konflikts die Energiepreise nach oben geklettert (UniCredit Bank Austria AG 2022).
Auch die Wohnenergie verteuerte sich um 25,3 Prozent im Jahresvergleich (UniCredit Bank Austria AG 2022). Insbesondere die Wohnraumkosten, und hier besonders die Mieten, stellen die wesentlichen Treiber der Lebenshaltungskosten für die Generationen Z und Y dar. Im Jahr 2022 bezahlten Mieter über 70 % mehr für den Quadratmeter als noch 2006 (UniCredit Bank Austria AG 2022).
Die aktuellen Preisanstiege stellen also für einkommensschwache Haushalte, so eben jene der Berufseinsteiger aus der Generation Z, eine besonders hohe Belastung dar, beinahe ein Drittel der gesamten Haushaltsausgaben. Die jungen Generationen sind folglich auf die Finanzierung ihres täglichen Lebens fokussierter als andere Generationen, die schon über entsprechende Reserven bzw. finanziellen Wohlstand verfügen (Wohnimmobilienpreisindex: Österreichische Nationalbank 2022)
Die eigentliche Herausforderung für die Jungen ist jedoch die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz
Die langfristige finanzielle Zukunft und die alltäglichen Sorgen sind für die Jungen weiterhin die wichtigsten Stressfaktoren. Gleichzeitig ist das Burnout-Niveau bei beiden Generationen sehr hoch und stellt für Arbeitgeber ein großes Problem bei der Mitarbeiter:innenbindung dar: 47 % der Angehörigen der Generation Z und der Generation Y fühlen sich aufgrund der Intensität bzw. aufgrund der Anforderungen ihres Arbeitsumfelds ausgebrannt. Immerhin 44 % der Generation Z und 43 % der Generation Y geben an, dass in letzter Zeit viele Mitarbeiter:innen ihr Unternehmen aufgrund der Arbeitsbelastung verlassen haben (vgl. Global Web Index (GWI) 2021).
Wirksame Führungskräfte und Unternehmer:innen räumen der psychischen Gesundheit und dem Wohlbefinden am Arbeitsplatz heute schon Priorität ein. In meinen Gesprächen mit Führungskräften stimmt mindestens schon jede(r) Zweite zu, dass das Wohlbefinden am Arbeitsplatz und die psychische Gesundheit seit Beginn der Pandemie stärker in den Fokus ihrer Arbeitgeber gerückt sind. Und das ist gut so.
Und gut so, dass die Jungen Arbeitnehmer:innen selbstbewusst genug sind, über Ihre Sorgen und Befindlichkeiten, Ängste und Bedürfnisse offen zu sprechen. Denn diese offene und selbstbewusste Kommunikation haben wir „Alten“ nicht gelernt. Wir haben vieles einfach hingenommen, akzeptiert und nicht weiter hinterfragt. Wir hatten auch nicht den Mut dazu. Und Hand aufs Herz: wir ärgern uns auch ein wenig darüber, dass die Jungen Generationen Dinge ansprechen und insbesondere darüber, dass wir es nicht getan haben.
Weiter so, liebe junge Generation! Ihr seid unsere Zukunft.